ÜBER CHRISTIAN HEISTERMANN

Im Laufe der Jahre habe ich einer Reihe von interessanten Personen kennen gelernt, diese haben es mir ermöglicht, mich in dieser Welt weiterzuentwickeln mich persönlich zu entfalten und zu etablieren. Ich danke diesen Menschen, den ohne Sie wäre ich nie der geworden der ich jetzt bin. Sicher ist auch eins, ich werde nie damit aufhören mich weiter zu entwickeln, es wäre für mich der Tod zu bleiben der der ich bin.

INTERVIEW

"Da kommt er, der Tatortreiniger", aber da komm ja ich, Christian...“

 

  Interview von Inés Burdow, Februar 2018

Ich habe Christian Heistermann vor Jahren bei der privaten Buchvorstellung einer befreundeten Schriftstellerin kennengelernt. Elisabeth Herrmann stellte damals ihr neues Werk „Zeugin der Toten“ im Freundeskreis vor. Die weibliche Protagonistin Judith Kepler hatte einen merkwürdigen Job, von dem ich vorher noch nichts gehört hatte. Sie war Tatortreinigerin. Elisabeth hatte Christian als echten Tatortreiniger eingeladen. Mittlerweile ist der dritte Band mit Judith Kepler in Arbeit, und was ein Tatortreiniger oder eine Tatortreinigerin ist, weiß inzwischen fast jeder. Nicht zuletzt durch die gleichnamige Serie, die kurz darauf an den Start ging. Für den Hauptcast Heiko „Schotty“ Schotte, großartig verkörpert von Bjarne Mädel, stand Christian Heistermann Pate. Außerdem stattete er die NDR- Requisite für die Serie aus. Ich wollte mehr über den Mann wissen, der die Tatortreinigung als Beruf nach Deutschland brachte. Ich verabrede mich mit Christian und treffe den hochgewachsenen, sympathischen Urberliner in seinem Mahlsdorfer Firmensitz. Christian führt mich durch die großen, hellen Räume. Manuela, die Frau an Christians Seite, macht gerade Hausaufgaben mit dem Jüngsten.

 

Als ich Christian bei einem Kaffee und einer Zigarette im Besprechungsraum die Frage nach dem WARUM seines Berufes stelle, antwortet er lachend:

 

Naja, ich kann sagen, meine Eltern hatten auch schon Tenside im Blut - Vater Wagenwäscher, Mutter Wäscherin, was kommt raus - Gebäudereiniger...

Du hast mit Deiner Firma die Tatortreinigung in Deutschland und die erste Tatortreiniger-Ausbildung eingeführt, kümmerst Dich also auch intensiv um die Ausbildung von Nachwuchs.

 

Christian:

Ja, das stimmt, da sind wir - also als ganzes Team - auch stolz drauf. Genau heißt die Ausbildung „Lehre zum Glas- und Gebäudereinger- mit Spezialisierung Tatortreiniger“. Aber ganz so einfach war es nicht. Mein Weg war immer von extremem Auf und Ab gekennzeichnet.
Heute profitiere ich allerdings auch von den unterschiedlichsten Erfahrungen, Ausbildungen, bzw. angefangenen Ausbildungen - wie zum Beispiel Damenmaßschneider...

Wie - Damenmaßschneider?

Als Junge wollte ich immer Mode-Designer werden. Ich fand Mode extrem attraktiv.
Ich bin 1968 in Schmargendorf geboren und aufgewachsen in Westberlin. In dieser Enklave war es ein gutes Großwerden und eben auch weltoffen, obwohl wir eine Insel waren. - Da war es egal, wer wo herkommt oder was er macht. Alles hat sich gemischt - schwul, lesbisch, hetero, - Künstler, Arbeiter, Studenten, Türken, Deutsche, usw. Diese Zeit hat eine große Toleranz geprägt. Meine damalige Freundin hatte gerade eine Schneiderlehre angefangen. Ich wußte, ich will kreativ sein, und Klamotten haben mich immer interessiert. Ich hab dann inspiriert durch meine damalige Freundin die besagte Maßschneiderlehre angefangen. Habe verschiedenste feine Stoffe in den Händen gehabt. Dadurch habe ich auch das Gefühl entwickelt, was Werkstoffe betrifft, feinste Werkstoffe betrifft. Ich war dann wohl doch etwas zu eckig und zu kantig und hab nicht wirklich da rein gepaßt und wollte auch weiterkommen...

Was hast du dann gemacht?

Anschließend bin ich in eine völlig andere Richtung gegangen - Verwaltungswirtschaft - .Ich hab aber auch Autos gewaschen am Flughafen Tegel. Mein Vater hat dann eine Gebäudereinigungsfirma aufgemacht, da stand schon die Frage, mit einzusteigen. Aber ich wollte nie Gebäudereiniger werden, weil ich gesehen habe, was das für eine Knufferei war und dann noch in der Selbständigkeit.

 

Inzwischen bist du Gebäudereiniger-Meister und wie gesagt auch Ausbilder und - Ausbildungsbetrieb, außerdem Betriebswirt des Handwerks und Staatlich geprüfter Desinfektor.

 

Ja, aber bis dahin war es noch ein längerer Weg. Mein allererstes Praktikum hab ich in der Gebäudereinigung gemacht, trotzdem kam es für mich nicht in Frage. Ich hab mich wirklich erst mal ausprobieren wollen in jeder Richtung um rauszufinden, was ich wirklich will, um mich zu entwickeln. Und ich war auch ein Lebemann. Verwaltungstechnik und Betriebswirtschaft waren es jedenfalls auch nicht. Bin dann kellnern gegangen, hab gejobbt, hab Partys gefeiert.

 

Hast du Geschwister?

Ja, ich hab einen Bruder, der ist sieben Jahre älter als ich. Kalle „Bomber“ Heistermann - Berufsboxer - der hat sich als Kreuzberger Arbeiterjunge sein Leben lang durchgeboxt, nach oben geboxt. Schwergewichtler in der deutschen Nationalmannschaft, Olympiakader und später in den 90ern internationaler deutscher Champion - Kalle war ein Vorbild, aber ich war nicht Kalle, sondern Christian und mußte meinen eigenen Weg finden. Trotzdem hat Kalle gesagt: Mensch Christian, dann mach doch noch ne Gebäudereinigerausbildung und​

übernimm dann die Bude vom Vater. - Ok, dachte, ich, dann lern ich das halt. Und Schule war nicht das, was ich gern gemacht habe. Ich mochte keine Pauker, ich mag Lehrer, aber keine Pauker - diesen Frontalunterricht. Dann haste eben wieder durchgekaut, was du schon wußtest. Aber ich hab es dann halt noch mal gemacht. War vor allem in der Praxis gut, da hatte ich ja schon frühe Vorkenntnisse und war sehr schnell in einer führenden Position, auch mit dem Hintergrund: Ich übernehm ja dann Vaters Firma...

Und anschließend hast du die Firma deines Vaters übernommen?

Nee, als ich fertig war mit der Ausbildung, 89, hat mein Vater pleite gemacht, der hatte da richtig Pech gehabt... also nichts mit Vaters Bude übernehmen, ich bin dann in eine andere Firma gegangen und hab da gezeigt, was ich kann, dort auch richtig Anerkennung erfahren. Die sagten dann: Mensch mach doch deinen Meister...Also wieder Schule... Abendschule, Handwerkskammer usw. Dann haben sie mich nach Bonn geschickt, Bundesinnungsverband Gebäudereinigung. Hat dann aber noch mal ne Weile gedauert, bis ich das fertig gemacht habe. Ich war dann schon früh in der Selbstständigkeit, bin mehrfach gescheitert und hab mich wieder aufgerappelt. Nur durch Risiko und Mut hab ich erreicht, was ich jetzt erreicht habe. Meine Frau Manuela und die Kinder geben mir heute den nötigen Halt...

...Hier hängt ja alles voll mit Zertifikaten und Auszeichnungen...

Ja, das da drüben ist von 2003 der Internetpreis des Deutschen Handwerks. Das da ist von „Ein Job - Deine Chance“ von 2006/2007. ...

Genau, das hatte mit der Tatortreinigung zu tun, die ja „nur“ ein Zweig deiner Firma ist...

Die Gebäudereiniger haben das sicher schon seit Jahrzehnten so gemacht. Auch Bestatter haben das zum Teil für „unter der Hand“ gemacht, usw. Nur die Begrifflichkeit der Tatortreinigung haben wir hier ca. 2007 eingeführt. Vorher war das eher eine verpönte Richtung, die keiner wirklich machen wollte. Irgendwann haben wir eine Sendung über amerikanische Tatortreiniger gesehen, die ziemlich cool war. Mein Geselle hat dann recherchiert und wir haben uns weitergebildet. Dann waren wir Teil der Sendung „Ein Job - Deine Chance“. Da bekamen wir nochmal richtig Aufmerksamkeit. Wir haben eine Webseite eingerichtet. Aber erstmal kamen vor allem beratende Aufträge für Film und Fernsehen... und nicht so viele echte Aufträge, das hat sich dann später geändert.

 

Der tote Mensch, als Unfallopfer oder Opfer einer Gewalttat, hinterlässt ja nicht nur einen Blutfleck...

Ja, klar, Fensterputzen ist die nettere Arbeit. Für die Tatortreinigung brauchst du schon ein dickeres Fell.

Hat dich die Tatortreinigung verändert?

Nicht nur die Arbeit, auch die Menschen, denen ich im Zuge dessen begegnet bin, also die Lebenden haben mich verändert und positiv beeinflusst. Die Tatortreinigung hat mich zum Denken angeregt, was willst du noch im Leben, wie willst du dich verkomplettieren, also weiterentwickeln. Die Arbeit hat mich zu Menschen geführt, die mir geholfen, mich verändert haben.

 

Die Begegnung mit Bjarne und mit Elisabeth zum Beispiel.

 

Die haben mich immer „mitgenommen“ und viele andere Begegnungen, die in mir was ausgelöst haben. Und anfangs hatte ich Angst, dass ich dieses Branding bekomme - ach, da kommt er ja, der Tatortreiniger. Das fand ich erst mal gar nicht cool. Denn ich bin es ja, Christian, der da kommt. Heut seh ich das schon lockerer. Jetzt bin ich sogar zum Autor auserkoren, schreibe also das erste Fachbuch über die Tatortreinigung und gründe gerade den Verein der Tatortreiniger. Hab ja auch mehrere Tatortreiniger ausgebildet.

Worauf legst du in der Ausbildung wert?

 

Ich hab versucht, neben der technischen Dienstleistung auch Herz zu vermitteln. Hab den Leuten versucht zu erklären, was das ist - Tatortreinigung. Was macht das mit einem? Wie ist das Umfeld? Wie geht man mit Trauerbewältigung um? Wie geht man mit den Angehörigen um? Wie sollte man sich selber verhalten, und was erwartet man von sich in solchen Situationen? Und es gibt Leute die reflektieren auch über diese Verarbeitung des Todes immer mehr. - Was will ich denn für ein Mensch werden? Es geht ja vielen dann auch so wie mir - stellen sich womöglich selber in Frage. Das verändert schon so ein Quäntchen das Leben in eine andere Richtung. Ob das die richtige ist, sei dahingestellt. Aber es ist auf jeden Fall auch ein Auslöser. Muss man auch immer im Auge behalten. Deshalb ist es wichtig, dass man seine Leute auch so ein bisschen im Blick hat, berufsbegleitend. Klar ist das technisch abzuwickeln, aber diese Seite ist eben auch sehr wichtig, gerade am Anfang.

 

Hast du Angst vorm Tod?

 

Klar hab ich Angst vorm Tod. Aber ich hab nicht vor, so schnell abzudanken. Ich habe eine so tolle Frau und wunderbare Kinder, die brauchen mich noch.

Zum Schluß noch eine Frage, Christian. - Wer oder was sind deine Lieblingsfiguren aus Filmen, Comics, Büchern?

Luc Skywalker, Herkules, Robin Hood, Indiana Jones, Captain Kirk, Muhamed Ali, Prometheus, Neo aus Matrix...Ziggy Stardust von David Bowie.

Bei Bowies „Ziggy“ muß ich gleich noch mal nachschauen, von wann das genau ist und finde folgendes Zitat, das ich Christian vorlese: „David Bowies Album ‚Ziggy Stardust‘ aus den Siebzigern ist das musikalische Manifest für eine Gegenwart, die das Träumen verlernt hat: Nie brauchten wir es dringender.“

 

Kannst du das unterschreiben?

 

Absolut.

Lieber Christian, ich danke dir für dieses anregende Gespräch.